Inflation droht auf Versicherungsverträge durchzuschlagen

Die hohe Inflation macht auch vor den deutschen Versicherern nicht Halt. So sieht sich die Branche laut einer aktuellen Einschätzung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) mit deutlichen Preissteigerungen konfrontiert. Wann und wie diese Entwicklung in Form höherer Beiträge bei den Versicherten ankommt, bleibt demnach aber noch ungewiss.

So ließe sich aus den vorliegenden Daten „keine generellen Prognosen zu künftigen Prämienentwicklungen ableiten, da Umfang und Geschwindigkeit von Preisanpassungen stark unternehmensindividuell sind“, wie Aktuar Maximilian Happacher erklärte. Gleichwohl sei ein „gewisser Druck“ in den Versicherungsgesellschaften vorhanden, betonte der stellvertretende DAV-Vorstandsvorsitzende am Montag im Rahmen eines virtuellen Pressegesprächs.

Demnach werden sich die Folgen der massiv angestiegenen Inflation „kurz- bis mittelfristig auch in nahezu allen Sparten des deutschen Versicherungswesens niederschlagen“, prognostizierte Happacher. Um seine These zu untermauern, verwies der Versicherungsmathematiker auf die jüngste Entwicklung des Baupreisindex, der für die Wohngebäudeversicherung wichtig sei. Demnach stieg der Index im vergangenen Jahr um über 14 Prozent – so stark wie seit 1971 nicht mehr. Und das ist 51 Jahre her. Grund hierfür seien vor allem die zuletzt extrem gestiegenen Material- und Handwerkerkosten.

Die hohe Inflation trifft unter anderem auch die Kfz-Versicherer. So berichtete die DAV weiter, dass man aktuell bei Kfz-Ersatzteilen und Reparaturkosten stark steigende Preise beobachte, wodurch wiederum der „Reparaturkostenindex Kraftfahrt“ stetig höher werde.

Prämiensteigerung stark „unternehmensindividuell“

Wie sich die Inflation auf die Kunden in der Schadenversicherung konkret auswirken könnte, hängt Happacher vor allem von der jeweiligen Vertragsart ab. So folgt die Prämie bei indexbasierten Versicherungen häufig automatisch bestimmten offiziellen Indizes. Hat der Kunde hingegen einen umsatzbasierten Tarif abgeschlossen, wie es etwa in der Betriebshaftpflicht meist der Fall ist, folgt die Prämie der Inflation allenfalls indirekt – nämlich über die Entwicklung der Umsätze des Unternehmens. Sogenannte Beitragsanpassungsklauseln erlauben dem Versicherer wiederum einen Prämienaufschlag, wenn sich die Inflation in einer Anhebung der Schadenkosten bemerkbar macht. Kurzum: „Umfang und Geschwindigkeit der Prämienanpassung sind stark unternehmensindividuell“, so das Resümee Happachers.

Wie sich die Inflation in der PKV auswirkt

Aber nicht nur in der Schaden-, sondern auch in der privaten Krankenversicherung (PKV) sehen sich die Gesellschaften mit deutlichen Preissteigerungen konfrontiert. „Bisher war der medizinisch-technische Fortschritt Treiber der Gesundheitskosten, der durch die Inflation nicht per se beschleunigt wird“, so Happacher. Nun sei allerdings damit zu rechnen, dass die ohnehin seit Jahren steigenden Medikamentenkosten zusätzlich von steigenden Herstellungskosten getrieben würden. Zudem müsse die Branche abwarten, welche Folgen die Inflationsentwicklung auf die kommenden Tarifabschlüsse und damit die Lohnkosten im Gesundheitswesen habe. „Das ist die große Unbekannte in allen derzeitigen Modellen“, so Happacher.

Kleiner Trost für Versicherte: Aufgrund des komplexen Prämienanpassungsverfahrens in der PKV werden sich die inflationsbedingten Kostensteigerungen nach DAV-Prognosen flächendeckend frühestens in den PKV-Beitragsanpassungen für 2024 niederschlagen. Doch auch hier seien generelle Prognosen kaum möglich, da die weitere Entwicklung „sehr stark von der Kollektivzusammensetzung und der Kostenentwicklung in den jeweiligen Unternehmen abhängig“ sei, wie Happacher sagte. Insofern könne es hier unterschiedliche Entwicklungen von Versicherer zu Versicherer geben.

Sonderfall Lebensversicherung

Anders stelle sich die Situation in der Lebensversicherung dar, die wie jede langfristige Sparform aktuell darunter leide, dass die Nominalverzinsung derzeit langsamer steige als die Inflation. „Leider ist die Realverzinsung bei Bank- und Versicherungsprodukten, die nicht in Aktien oder andere chancenreiche Substanzwerte investieren, im Moment so negativ wie nie zuvor und sie wird mittelfristig auch negativ bleiben“, erwartete Happacher. Daraus aber den Schluss zu ziehen, weniger oder gar nicht mehr zu sparen, wäre „ein großer Fehler“, so der Analyst. Im Gegenteil: „Die Inflation ändert nichts daran, dass die Menschen künftig mehr statt weniger kapitalgedeckte Altersvorsorge benötigen“, betonte der Aktuar.

Um dem „Zangengriff“ aus hoher Inflation und niedrigen Kapitalmarktzinsen zu entkommen, plädierte die DAV für zwei Maßnahmen. „Erstens sollte die Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen so anpassen, dass Versicherer mehr in chancenreiche Anlagen investieren können“, wie Happacher forderte. Dies beginne mit einer Lockerung der strengen Vorgaben für den vollständigen Beitragserhalt bei der Riester-Rente beziehungsweise in Teilen der betrieblichen Altersversorgung und umfasse auch die Anpassung handels- oder aufsichtsrechtlicher Hürden für Investments in Aktien und Infrastruktur. „Dies betrifft insbesondere auch Investments im Zuge des nachhaltigen Umbaus der Gesellschaft, den sogenannten Green Deal“, so Happacher. Zweitens sei jetzt die Europäische Zentralbank gefordert, „dem Vorbild der US-amerikanischen FED zu folgen und die Zinsen schrittweise zu erhöhen“, so sein abschließender Appell.

Autor/in

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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